Die Krux mit dem „gewinkt“ und „gewunken“

Eva Schürmann-LanwerDeutsche Grammatik, Sprache allgemein

gewinkt und gewunken

Die Frage, ob es denn nun gewinkt oder gewunken heißt, taucht in Gesprächen. Alle, die nun hoffen, eine abschließende Antwort auf diese Frage zu erhalten, müssen wir enttäuschen, denn wir sind nicht imstande, vorzuschreiben, was richtig und was falsch ist. Lassen Sie uns stattdessen in Erfahrung bringen, warum es zwei Formen gibt.

Die ältere Form ist gewinkt. Bei winken handelt es sich ursprünglich also um ein schwaches Verb, analog zu sagen/sagte/gesagt. Das lässt sich noch ganz gut nachvollziehen, wenn man das Verb ins Präteritum setzt: „Ich wank dir zu.“ klingt etwas merkwürdig. Man würde schon eher sagen: „Ich winkte dir zu.“. Aber „Ich habe gewunken.“ funktioniert sehr gut, nach Meinung vieler Muttersprachler*innen sogar sehr viel besser als „Ich habe gewinkt.“. Das ist erstaunlich, denn es bedeutet, dass sich winken langsam zu einem starken Verb entwickelt. Im Gegensatz zu schwachen Verben (wie ursprünglich winken oder auch sagen) bilden solche Verben die Vergangenheitsformen nicht mit t (sagte, habe gesagt), sondern verändern ihren Vokal: sang, habe gesungen. Diese Änderung des Vokals nennen wir Ablaut. Während einige starke Verben schwach werden (Beispiel backen: Ursprünglich lautete das Präteritum ich buk, nun ich backte), bleiben schwache Verben ihrer Flexion normalerweise treu.

Warum ist das bei winken nicht der Fall? Machen wir doch einen Fehler, wenn wir „Ich habe gewinkt?“ sagen. Nein, für das starke Präteritum von winken gibt es eine einfache Erklärung. Winken ähnelt in seinem Aufbau starken Verben: sinken, trinken, singen und klingen sind nur einige Beispiele für ähnlich aufgebaute Verben. Sie alle haben ein i, auf das der Konsonant ŋ folgt (Bei singen und sinken sprechen Sie kein n, sondern bilden den Konsonanten etwas weiter hinten im Mund: Sahne mit normalem n versus singen/sinken mit [ŋ]). Im Falle einiger Verben folgt noch ein weiterer Konsonant (Beispiel: sinken). Wenn man mal zählt, wie viele starke und wie viele schwache Verben das Muster also i+[ŋ](+Konsonant) aufweist, stellt man fest, dass nur sehr wenige schwache Verben so aufgebaut sind (unter anderem schminken, blinken und hinken), dafür aber sehr viele starke Verben. Was sagt uns das nun? Da winken so ähnlich klingt wie starke Verben, möchten wir es auch gerne wie ein starkes Verb behandeln, und so wird aus „Ich habe gewinkt.“ ganz schnell „Ich habe gewunken.“. Wer gewunken sagt, hat also unbewusst eine Verbindung von winken zu starken Verben wie sinken hergestellt und möchte es deswegen auch stark flektieren. Faszinierend, oder?

Und falls sich noch jemand fragt, was denn der Duden dazu sagt: Im Zweifelsfälle-Duden (2016) ist aufgeführt, wie häufig gewinkt und gewunken in standardnahen Texten und Gesprächen vorkommen. Das Ergebnis: Beide sind vertreten und deshalb gleichermaßen Teil des Standards. Häufiger zur Anwendung kommt inzwischen gewunken. Sie können sich also auch dem Duden zufolge frei entscheiden, ob winken für sie stark oder schwach ist.

Weiterführende Literatur

Köpcke, Klaus-Michael (1999): Prototypisch starke und schwache Verben in der deutschen Gegenwartssprache. In: Matthias Butt und Nanna Fuhrhop (Hrsg.): Variation und Stabilität in der Wortstruktur. Sonderheft Germanistische Linguistik, S. 141–142, 45–60.