Ein Multitalent: das Präsens

Eva Schürmann-LanwerDeutsche Grammatik, Sprache allgemein

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„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.” – So lautet eine bekannte Redensart, die uns mahnen soll, nicht ständig alles vor uns herzuschieben. Wenn wir Deutschen zum Ausdruck bringen wollen, was wir schon erledigt haben, was wir im Moment tun und was wir noch vorhaben, können wir verschiedene Möglichkeiten nutzen. Die sechs verschiedenen Zeitformen, auch grammatische Tempora genannt, erlauben es uns sprachlich gesehen, Aktivitäten und Handlungen zeitlich einzuordnen.

Vergangenheitsformen wie das Präteritum, das Perfekt und das Plusquamperfekt nutzen wir für bereits Vergangenes: „Ich rief meine Oma an.”, „Ich habe den Biomüll runtergebracht.” oder „Das hatte ich letztens schon erledigt.”.

Dem Vorhaben, Zukünftiges auszudrücken, werden die Tempusformen Futur 1 und II gerecht: „Ich werde morgen weitermachen.” oder „Nächste Woche werde ich alles erledigt haben.”. Und die Verwendungsform des Präsens liegt scheinbar auf der Hand: „Ich telefoniere.”

Ist das Ganze wirklich so simpel?

Dass das Präsens gar nicht so unflexibel ist, wie die einfache Bezeichnung als Gegenwartstempus ihm unterstellt, kann eine beispielhafte Unterhaltung veranschaulichen: „Gestern telefoniere ich mit meiner Oma, da erzählt sie mir glatt, sie besucht mich bald!”„Wie schön, geh doch mit ihr ins Museum.”„Aber das schließt doch immer schon so früh am Abend.”

Diese Sätze beinhalten das Präsens, obwohl gar nicht gegenwärtig Stattfindendes thematisiert wird, sondern zeitlich gesehen Einiges mehr. Zum Beispiel wird gleich im ersten Satz das Präsens benutzt, um das vergangene Telefonat wiederzugeben. Ungeachtet dessen, dass das Telefongespräch mit der Oma bereits beendet ist, wie wir dem Wörtchen „gestern” entnehmen können, kann hier das Präsens zum Einsatz kommen. In diesem Fall und in ähnlichen Konstellationen spricht man auch vom szenischen Präsens, das eine Erzählung für die zuhörende Person unmittelbarer, lebhafter und damit vielleicht auch ein bisschen interessanter gestaltet. Anstelle des szenischen Präsens hätte hier auch eine Tempusform, die die Vergangenheit anzeigt, verwendet werden können (also vorzugsweise das Perfekt oder das Präteritum: „Gestern telefonierte ich mit meiner Oma.” bzw. „Gestern habe ich mit meiner Oma telefoniert”).

Verwandt mit dem szenischen ist das epische Präsens, das in Romanen oder fiktiven Erzählungen nicht selten eine Rolle spielt, obwohl der jeweilige Text durchgehend im Präteritum geschrieben ist. Die Verwendung des epischen Präsens verursacht einen plötzlichen Bruch im Tempus: „Sie betrat das Museum und pfiff leise vor sich hin, während sie die Gemälde betrachtete. Plötzlich fängt eines der Bilder Feuer.” Mit dem abrupten Tempuswechsel wird Spannung erzeugt und das Ereignis für den Lesenden greifbarer. Sowohl das epische als auch das szenische Präsens sind Formen des historischen Präsens. Dieses findet man in Lehrbüchern, aber vor allem auch in Schlagzeilen vor: „Im Jahre 1907 öffnet das Pergamonmuseum zum ersten Mal.” Dieser Satz klingt zunächst völlig akzeptabel. Der Eröffnungstermin liegt zwar schon über hundert Jahre zurück, aber trotzdem kann zur Markierung der historischen Sensation problemlos das Präsens verwendet werden.

Kommen wir nochmal zurück zu unserem Telefonat mit Oma. „Sie besucht mich bald.” bringt ein künftiges Ereignis zum Ausdruck. Dies wird vor allem durch das Temporaladverb bald deutlich. Begrifflichkeiten wie morgen, in einer Stunde oder nächstes Jahr (bzw. gestern, vor zwei Jahren oder letztes Jahr) erleichtern es uns, Handlungen, die im Präsens geäußert werden, der Zukunft (bzw. der Vergangenheit) zuzuordnen. Anstelle der Präsensform könnte auch das Futur (bzw. Präteritum oder Perfekt) angewendet werden: „Sie wird mich bald besuchen.” Die Bedeutung bleibt dieselbe.

Festzuhalten ist: Die simple Annahme, das Präsens werde ausnahmslos für gerade Stattfindendes benutzt, müssen wir als nicht zutreffend zurückweisen. Es mischt mit, egal, ob eine Handlung in der Vergangenheit oder in der Zukunft liegt. In unserem täglichen Sprachgebrauch fällt uns die Vielfältigkeit dieser einfachen Zeitform kaum auf.

Was du heute kannst besorgen …

Was jedoch hat das Präsens im letzten Satz unserer fiktiven Unterhaltung zu suchen? In „Aber das Museum schließt doch immer schon so früh am Abend.” bezeichnet es weder eine Handlung in der momentanen Gegenwart, eine in der Zukunft noch eine in der Vergangenheit. Gemeint ist vielmehr ein genereller, immer wiederkehrender Vorgang. Das Museum schließt nicht jetzt gerade früh am Abend, sondern jeden Tag auf’s Neue. Das Präsens drückt hier in gewisser Weise Zeitlosigkeit aus und verleiht Sätzen eine allgemeingültige Bedeutung, sodass man die Präsensform auch gerne in Sprichwörtern verwendet.

Der gute Vorsatz, Aufgaben zügig zu erledigen, hat einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, und dennoch halten wir uns bisweilen nicht daran, vielleicht aus gutem Grund: So können wir uns jeden Tag auf‘s Neue vornehmen, der Prokrastination den Kampf anzusagen.