Hat meine Geschichte Potenzial?

Eva Schürmann-LanwerSchreiben, Sprache allgemein

erfolgreich eine Geschichte schreiben

Viele Erstautor*innen stellen sich diese Frage und erhoffen sich von einem Lektorat eine erste Einschätzung. Sie möchten wissen, ob sie fortfahren oder das Schreiben lieber ganz sein lassen sollten. Eines vorweg: Niemandem würden wir raten, das Schreiben ad acta zu legen. Doch bisweilen ist es unumgänglich, schonungslos mitzuteilen, dass der produzierte Text nicht als Geschichte betrachtet werden kann. Wie lässt sich das feststellen, und wie können Sie als Autor*innen es selbst überprüfen?

Form und Struktur

Eine Geschichte ist wie ein Stuhl: Man erkennt ihn, wenn man ihn vor sich hat: vier Beine, eine Sitzfläche, vielleicht eine Rückenlehne und Armstützen. Schaukelstühle gelten auch, ebenso Schemel mit drei Beinen und vieles mehr. Es liegt eine Grundstruktur vor, die wir identifizieren können als: Ja, darauf kann man sitzen.

Eine Geschichte weist ebenfalls bestimmte Merkmale auf: eine Struktur, Anfang, Mitte und Ende (nicht notwendigerweise in der Reihenfolge) sowie Figuren, die handeln, etwas wollen, nach etwas streben. Es gibt ein Ziel, das erreicht wird oder nicht, und Hindernisse, die die Figuren überwinden müssen, um an das Ziel zu gelangen. Das Ganze ist aus Wörtern und Sätzen zusammengesetzt, die im besten Fall gut klingen. Von diesen Regeln kann man bis zu einem gewissen Grad abweichen, ohne dass das Wesen der Geschichte verloren geht – ähnlich wie im Falle des Stuhls.

Hier ist es aber unerlässlich, bestimmte Regeln zu beachten. Ein wenig sollten Sie sich also mit Geschichten im Allgemeinen und deren Aufbau beschäftigen, und wenn nur anhand der analytische Lektüre von Büchern, die Ihnen gefallen. Theoretische Ansätze gibt es genug, angefangen bei Aristoteles’ „Tragödie” bis hin zum Heldenepos. Wie ein*in Handwerker*in müssen auch Sie lernen, wie man vorgeht, welche Elemente wichtig sind, wie man Sie zusammenfügt und vieles mehr.

Wann ist ein Text noch keine Geschichte?

Die folgenden Anhaltspunkte helfen Ihnen, einzuschätzen, ob etwas Verschriftetes als eine Geschichte einzustufen ist. Sie lassen sich allesamt korrigieren, sodass keiner der Punkte dazu führen sollte, das Schreiben aufzugeben.

  • Es ist unklar, welche Geschichte erzählt werden soll. Das liegt oft daran, dass es zwar ein Grundthema gibt, aber keine genaue Vorstellung davon, wie dieses auf die Lebenswelt einer Figur übertragen werden kann. Oftmals weisen große Konzepte zu besonderen Welten (vor allem Science Fiction und Fantasy) nur rudimentär entwickelte Figuren auf, die lediglich dazu dienen, die Welt zu zeigen. Das wird auf Dauer langweilig.
    Lösungsvorschlag: Entwickeln Sie eine Figur, die mit einem oder mehreren Aspekten dieser Welt hadert oder in Konflikt steht, und beobachten Sie, wie sich diese Figur in der Welt bewegen würde.
  • Es fehlen Hindernisse. Wenn eine Figur zu schnell oder zu einfach zu ihrem Ziel gelangt, kommt keine Spannung auf.
    Lösungsvorschlag: Legen Sie der Figur Steine in den Weg, am besten sehr viele.
  • Dem Lesenden bleibt unklar, welcher Figur er folgen soll. Eine klassische Geschichte wartet mit einem*r Protagonist*in auf. Sogar, wenn mehrere Handlungsstränge bestehen, ist einer meist der dominierende. Gibt es zu viele Handlungsstränge und Figuren, zerfasert die Geschichte schnell, und man weiß als Leser*in nicht mehr, was erzählt werden soll. Um viele Handlungsstränge gut unterzubringen, braucht es eine besonders durchdachte Planung.
    Lösungsvorschlag: Besinnen Sie sich nochmal auf den Plot und untersuchen Sie, welche Figuren Sie wirklich brauchen, um die Geschichte erzählen zu können. Alle anderen können getrost rausfliegen.
  • Es gibt keinen Plot. Wir folgen einer Figur durch ihr Leben, aber es fehlt das eine Ziel, das erreicht werden will oder muss. Das passiert gerne im Falle von sogenannten Cradle-to-grave-Biografien oder autobiografischen Texten. Hier stolpern wir von Episode zu Episode, ohne dass wahre Spannung aufkommt.
    Lösungsvorschlag: Natürlich lässt sich ein Leben nicht in die engen Strukturen eines Plots pressen, aber vielleicht gibt es bestimmte Punkte, die sich herausarbeiten lassen, um an ihnen entlang zu erzählen.

Genreregeln

Wenn wir erkannt haben, dass etwas ein Stuhl ist, fällt uns meistens ebenso schnell auf, welche Art von Stuhl es ist: Bürostuhl oder Zahnarztstuhl, Thron oder Melkschemel, Gartenstuhl oder Schuhputzhocker. Es gibt wiederum je eigene Regeln, die erfüllt sein müssen, damit sie ihrem Zweck nachkommen können.

Dasselbe gilt für Literaturgenres. Ein Kinderbuch folgt anderen Regeln als ein Thriller, ein Liebesroman oder ein Krimi. Deswegen wartet Ihr Thriller nicht nur mit 32 Seiten und vielen Bildern auf, und in einem Liebesroman sollte es um die Liebe gehen. Zudem hat jedes Genre einen eigenen Sprachstil. Machen Sie sich also Gedanken darüber, was Sie schreiben möchten und welche Regeln für das jeweilige Genre gelten. Denn auch die Leser*innen hegen bestimmte Erwartungen, wenn Ihre Geschichte unter einem spezifischen Genre läuft. Werden diese nicht erfüllt, sind sie enttäuscht. Und auch hier ist es wichtig, die Regeln zu kennen und zu beherrschen, bevor sie gebrochen werden.

An dieser Stelle kommt meist das Wort „Potenzial” ins Spiel. Hat eure Geschichte das Zeug, seitens der anvisierten Leserschaft gut aufgenommen zu werden? Nun, wenn ihr eine solide Geschichte erschaffen und euch an die Genreregeln gehalten oder sie in einer interessanten Weise gebrochen habt, dann ist der Rest Feinschliffarbeit. Vielleicht ist der Mittelteil zu ausschweifend, oder die Motivationen sitzen noch nicht ganz, vielleicht müsst ihr später in die Geschichte gehen, um früher einen Sog zu erzeugen, vielleicht fehlt hier und da noch ein wenig Action, aber all das gehört zu der normalen Arbeit, die Lektor*in und Autor*in gemeinsam leisten.

Design und Geschmack

Ob eine bestimmte Person ein Buch am Ende mag oder nicht, hängt natürlich von dem Aspekt ab, den man am wenigsten beeinflussen kann: dem Geschmack. Hier gilt das Gleiche wie für das Design eines Stuhls. Er mag ein guter Stuhl sein, er kippelt nicht, er ist stabil, vielleicht sogar bequem, aber wenn mir der Bezug nicht gefällt, war‘s das. Viele haben schon ein Buch in den Händen gehalten, das von Freunden oder Literaturkritikern gelobt wurde, um festzustellen, dass es ihn ganz und gar nicht anspricht. Es wird immer Menschen geben, deren Geschmack euer Buch nicht trifft. Das ist aber keine Kritik an euch oder eurem Handwerk, sondern liegt in der Natur der Sache.

„Potenzial” in der Verlagswelt

Verlage sind Wirtschaftsunternehmen. Sie müssen abwägen, wie viel Arbeit in ein Buch gesteckt werden muss und welcher Return on Investment am Ende zu erwarten ist. Dementsprechend bedeutet „Potenzial” hier etwas anderes als beispielsweise für Lektor*innen. Verlage folgen der Leitfragen „Mit wie wenig Aufwand können wir so viel Profit wie möglich generieren?“ Ihre Geschichte kann also durchaus das Potenzial haben, ein Erfolg zu werden. Wenn aber zu viel Arbeit in Angelegenheiten wie Lektorat, Korrektorat, Publikums- oder Markenbildung und Marketing investiert werden muss, fallen Sie bei einem Verlag leider unten durch. Deswegen werden zum Beispiel bisweilen schlechte Bücher von bekannten Persönlichkeiten verlegt: Die bringen ihr Publikum und damit einen Return on Investment schon mit.

Zum Glück sind Sie heutzutage nicht mehr auf Verlage angewiesen. Wenn Sie dennoch den Weg über den Verlag gehen möchten, sollten Sie sich und Ihre Geschichte von der besten Seite präsentieren. Je geschliffener der Text, je sauberer die Sprache, je weniger Fehler, desto mehr Chance haben Sie, angenommen zu werden.

Geben Sie das Schreiben also niemals auf. Es bereichert in jedem Fall, und wenn es nur der persönlichen Weiterentwicklung und dem Gewinnen neuer Erkenntnisse dient, wie wir sie Ihnen hier hoffentlich auch bieten konnten.